Du denkst, wie du dich kleidest

„You are what you wear“, sagen die Briten, „du bist, was du trägst“. Und tatsächlich scheinen wir uns mit unserer Kleidung auch eine Art Rolle überzustreifen, die erstaunlich viele Aspekte unseres Ich verändert – meist ohne dass wir es merken.

Ein hübsches Beispiel für diesen Effekt haben nun US-Wissenschaftler in einer aktuellen Studie beschrieben.  Sie baten Studentinnen und Studenten, zwei unterschiedliche Outfits mit an die Uni zu bringen: einen Satz legerer Klamotten plus einen Satz formeller Kleidungsstücke, wie sie sie bei einem Vorstellungsgespräch tragen würden. Das Experiment startete damit, dass die Teilnehmer sich umzogen. Dabei wurden sie nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt. Die Probanden in der ersten Gruppe warfen sich in ihre Freizeitkluft, die in der zweiten Gruppe dagegen zwängten sich in Sakko oder Blazer.

Nun mussten die Studierenden verschiedene Aufgaben bearbeiten. Dabei machten die Wissenschaftler eine interessante Beobachtung: Die formell gekleideten Teilnehmer fanden zu den Übungen eher abstrakte Lösungen. Ihre leger angezogenen Kommilitonen dachten dagegen viel konkreter. Wenn sie zum Beispiel entscheiden sollten, ob ein Kamel als Transportmittel bezeichnet werden kann, tendierten Sakko-Träger eher zu einem entschiedenen „ja“, während Sweatshirt-Träger die Frage verneinten.

Die Forscher vermuten, dass formelle Kleidung uns dazu bewegt, eine distanziertere Haltung einzunehmen. Und zwar nicht nur zu unserer Umgebung, sondern auch zu den Informationen, die wir zu bewerten haben. Dieser größere Abstand führt zu einer abstrakteren Denkweise: Aus der Entfernung sehen wir eher die allgemeinen Prinzipien, das große Ganze; aus der Nähe dagegen die Details.

Dass Kleidung unsere Denkweise verändert, hat vor knapp drei Jahren bereits ein anderes US-Team zeigen können: In ihrer Arbeit konzentrierten sich die Versuchspersonen stärker und machten weniger Fehler, wenn sie einen Arztkittel trugen. Die aktuelle Studie gehe allerdings darüber hinaus,  betont ihr Hauptautor Dr. Abraham Rutchick. Zum Einen sei das Umschalten auf eine abstraktere Denke viel grundlegender als eine Steigerung der Aufmerksamkeit. Zum Anderen werde dieser Effekt durch ganz gewöhnliche Kleidung ausgelöst, wie sie die meisten Menschen im Schrank hätten. „Ärztekittel werden dagegen sehr selten von Leuten getragen, die keine Ärzte sind.“

Michael L. Slepian, Simon N. Ferber, Joshua M. Gold, Abraham M. Rutchick: The Cognitive Consequences of Formal Clothing; Social Psychological and Personality Science, 31. März 2015; doi: 10.1177/1948550615579462

(erschienen in Psychologie heute)