Die Macht des ersten Eindrucks

Wenn wir unsere Mitmenschen für unsozial halten, unterminiert das unsere Bereitschaft, die gesellschaftlichen Spielregeln einzuhalten. Ein schlechter erster Eindruck hält dabei augenscheinlich lange vor, zeigt eine neue Studie.

Zerbrochene Fenster hinterlassen einen schlechten Eindruck, der lange vorhalten kann. (c) Matt Artz / Unsplash

Zerbrochene Fenster hinterlassen einen schlechten Eindruck, der lange vorhalten kann. (c) Matt Artz / Unsplash

Im Jahr 1969 zeigte ein junger Psychologie-Professor der Universität Stanford, dass Zivilisation eine ziemlich brüchige Fassade ist: Philip Zimbardo (der später durch sein Stanford-Gefängnis-Experiment weltbekannt werden sollte) parkte ein Auto in einer wohlhabenden Gegend von Palo Alto, Kalifornien. Das Nummernschild fehlte, die Motorhaube stand einen Spalt offen – der Wagen war offensichtlich von seinem Besitzer am Straßenrand entsorgt worden.

Mehr als eine Woche lang blieb das Fahrzeug unberührt. Dann ging Zimbardo selbst ans Werk und zerschmetterte eines der Fenster mit einem Hammer. Schon bald gesellten sich Passanten zu ihm, feuerten ihn johlend an und halfen ihm schließlich bei seinem Akt des Vandalismus. Binnen weniger Stunden war der Wagen vollständig zerstört.

Gut situierte, respektable Bürger kippen ein Auto aufs Dach und weiden es aus, bis nur noch ein unkenntliches Wrack übrig bleibt: Das erscheint fast undenkbar. Doch augenscheinlich muss nur ein Einzelner den Anfang machen, damit die Umstehenden ihrer Zerstörungswut freien Lauf lassen. Wenn sich einer aus unserer Mitte nicht an die Regeln hält, fällt es uns leichter, diese Regeln ebenfalls zu brechen.

Dabei müssen wir nicht einmal mit eigenen Augen sehen, dass ein Mitbürger zum Hammer greift. Oft reichen schon subtile Signale aus unserer Umgebung, damit wir annehmen, dass unsere Mitmenschen sich nicht um Recht und Ordnung scheren. Der Sozialpsychologe Kees Keizer hat vor einigen Jahren in Groningen ehrbare Bürger zu Kleinkriminellen gemacht – einfach, indem er in einer Straße etwas Müll verteilte. Er steckte einen Umschlag mit Geld halb in einen öffentlichen Briefkasten, so dass die Seite mit dem Sichtfenster noch aus dem Briefschlitz herausschaute. Durch das Fenster war deutlich eine 5-Euro-Note zu sehen.

Im ersten Teil des Versuchs säuberten die Wissenschaftler die Umgebung des Briefkastens von herumliegendem Abfall. Dann beobachteten sie von einem Versteck aus, was passierte. Ergebnis: Von den 71 Passanten, die sich dem Briefkasten näherten, ließen 62 den Umschlag unangetastet oder schoben ihn sogar komplett in den Briefkasten. Neun Personen (das sind 13 Prozent) nutzten dagegen die Gelegenheit und nahmen den Umschlag samt Geld an sich. Dann arrangierten die Groninger Wissenschaftler einen Müllcocktail um den Briefkasten. Ergebnis: Die Diebstahl-Quote wuchs auf 25 Prozent – fast das Doppelte.

Kriminologen sprechen vom „Broken Windows“-Effekt: Schon kleine Anzeichen von Unordnung (wie eben ein zerbrochenes Fenster oder herumliegender Müll) erwecken bei Beobachtern den Eindruck, dass die Regeln des Zusammenlebens nicht viel zählen. Wenn eine Gesellschaft diesem Eindruck nicht entgegenwirkt, begibt sie sich auf einen rutschigen Abhang: Es drohen immer größere Regelverstöße und schließlich Verbrechen.

Aus der „Broken Windows“-Theorie lassen sich zwei Konsequenzen ableiten: Entweder die Gesellschaft bemüht sich, den guten ersten Eindruck aufrecht zu erhalten (z.B. dadurch, dass sie zerbrochene Fenster schnellstmöglich repariert). Oder sie bestraft bereits kleine Regelverstöße prompt und hart. Doch welche Strategie verspricht mehr Erfolg?

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern haben versucht, diese Frage zu beantworten. Dazu bemühten sie eine Art „Steuer-Spiel“, das in den Wirtschaftswissenschaften weit verbreitet ist. Darin können Spieler einen beliebigen Teil ihres Startgeldes in eine Steuerkasse einzahlen. Das Spiel läuft über zehn Runden. Nach jeder Runde erfahren die Teilnehmer, was ihre Mitspieler eingezahlt haben.

Die Max-Planck-Forscher werteten die Resultate von mehr als 1.500 Spielern aus 15 Ländern aus – darunter China, Russland und Saudi Arabien. Ergebnis: Der erste Eindruck beeinflusste die Steuermoral der Teilnehmer langfristig. Wenn sie in Runde 1 merkten, dass ihre Mitspieler Steuern hinterzogen, dann konvertierten sie ebenfalls zum Steuersünder; im umgekehrten Fall zahlten sie brav ihre Steuern. Dieser Effekt dauerte bis zur letzten Runde an.

Der Effekt einer einzelnen frühzeitigen Strafe verpuffte dagegen rasch: Wurden Steuersünder nach der ersten Runde hart bestraft, stieg das Steueraufkommen in den Runden danach an. Es fiel dann aber relativ schnell wieder ab. Kontinuierliche Sanktionsmöglichkeiten verbessern die Kooperationsbereitschaft hingegen dauerhaft.

Die Ergebnisse werfen einen neuen Blick auf die Nulltoleranz-Politik, die in den 1990er Jahren in vielen Ländern Furore machte. Vorreiter war dabei die Stadt New York: Als sie 1990 begann, hart gegen Betrunkene, Graffiti-Schmierer und sonstige Störer der öffentlichen Ordnung vorzugehen, sank in der Folge auch die Zahl schwerer Gewalttaten. 1990 gab es in New York noch mehr als 2.000 Morde; 1998 waren es weniger als ein Drittel. Aus aller Welt pilgerten Ordnungspolitiker in „eine der sichersten Städte der Welt“, wie der New Yorker Bürgermeister Rudolph Giuliani prahlte. „In den Parks, einst gefürchtete Mordgründe, kann man mittlerweile in der Sonne gelassen und angstfrei sitzen, selbst in den öffentlichen Bedürfnisanstalten stehen frische Blumen“, schrieb der SPIEGEL.

Die Nulltoleranzpolitik setzt bereits bei ersten Anzeichen von unsozialem Verhalten auf schnelle und entschlossene Strafen, um einen möglichen Teufelskreis der Verwahrlosung im Keim zu ersticken. „Unsere Daten zeigen, dass diese frühe Bestrafung nicht so wichtig ist wie der erste Eindruck“, betont Dr. Michael Kurschilgen, einer der Autoren der Studie. Oder, wie es die Forscher in ihrer Arbeit ausdrücken: Geld, das dafür ausgegeben wird, den Anschein öffentlicher Ordnung zu bewahren (also etwa für die Reparatur zerbrochener Fenster, für die Pflege öffentlicher Grünanlagen, für die Beseitigung von Müll), ist gut angelegt.

First impressions are more important than early intervention: Qualifying broken windows theory in the lab; Christoph Engel, Martin Beckenkamp, Andreas Glöckner, Bernd Irlenbusch, Heike Hennig-Schmidt, Sebastian Kube, Michael Kurschilgen, Alexander Morell, Andreas Nicklisch, Hans-Theo Normann, Emanuel Towfigh; International Review of Law and Economics, Band 37, März 2014

(erschienen in Psychologie heute)