Eigennütziges Opfer

Männliche Wespenspinnen werden bei der Paarung von ihrer Partnerin gefressen. Sie verlieren ihr Leben, gewinnen dadurch aber gleich doppelt.

Männliche Wespenspinnen werden beim Geschlechtsakt häufig von ihren Partnerinnen verspeist. Dadurch verlängern sie die Kopulation - und erhöhen so ihre Chancen in der "Spermien-Lotterie". Das Foto zeigt ein weibliches Tier. (c) Frank Luerweg

Männliche Wespenspinnen werden beim Geschlechtsakt häufig von ihren Partnerinnen verspeist. Dadurch verlängern sie die Kopulation – und erhöhen so ihre Chancen in der „Spermien-Lotterie“. Das Foto zeigt ein weibliches Tier. (c) Frank Luerweg

Der berühmte deutsche Tierfilmer Horst Stern hat heute noch unter Spinnen-Freunden eine treue Fangemeinde. Diese verdankt er vor allem seinem Film „Leben am seidenen Faden“, der erstmals 1975 ausgestrahlt wurde. Darin zeigte er seinem faszinierten Publikum unter anderem, was die Schwarze Witwe nach der Paarung mit ihrem unglückseligen Liebhaber anstellt: Sie verzehrt ihn. Für moralische Entrüstung bestehe allerdings kein Anlass, stellte er damals nüchtern fest. Als Nahrung für seine schwangere Partnerin nütze das Männchen immerhin den eigenen Nachkommen.

Das hört sich plausibel an. Doch die Forscher sind sich uneins, ob diese These wirklich stimmt. Ein Gegenargument ist der Größenunterschied zwischen den Geschlechtern: Bei den Witwenspinnen können die Weibchen locker 50mal soviel wiegen wie ihre Sexualpartner. Ein Männchen ist für sie also kaum mehr als ein Happen für den hohlen Zahn. Große Auswirkungen auf das Gelege sollte so ein bisschen Fingerfood eigentlich nicht haben. Bei der australischen Rotrücken-Witwenspinne etwa legt das Weibchen nach einem kannibalischen Snack weder mehr Eier, noch sind diese im Schnitt größer oder schwerer.

Die Kinder der auch in Deutschland vorkommenden Wespenspinne zumindest scheinen aber tatsächlich vom Opfertod ihres Vaters zu profitieren: Wenn das Weibchen bei der Kopulation ihren Liebhaber verzehrt, verbessert das die Überlebenschancen der Nachkommen bei knappen Nahrungsressourcen erheblich. Das zeigen die Hamburger Biologen Professor Dr. Jutta Schneider und Klaas Welke in einer aktuellen Studie, die in diesen Tagen in der Zeitschrift Animal Behaviour erscheint.

Die Beobachtung kommt unerwartet: Auch bei den Wespenspinnen sind die Männchen im Vergleich zu ihren Partnerinnen winzig. „Vielleicht enthalten sie aber irgendwelche Substanzen – beispielsweise seltene Aminosäuren -, die sich positiv auf die Fitness der Jungtiere auswirken“, spekuliert Welke. Auch andere Experten halten das für möglich. „Es ist vorstellbar, dass das Männchen bestimmte Stoffe bildet, die die jungen Wespenspinnen brauchen“, sagt etwa die Greifswalder Spinnenkundlerin Professor Dr. Gabriele Uhl. „Um diese These zu prüfen, müssten wir aber zunächst einmal die genaue chemische Zusammensetzung der Männchen bestimmen. Es reicht ganz sicher nicht, nur den Gehalt an Fetten, Proteinen und Kohlenhydraten zu kennen – schließlich kann es eine kleine Sache sein, die den Unterschied in der Überlebensrate bewirkt.“

Das Männchen zieht aus seinem eigenen Opfertod übrigens noch einen weiteren Vorteil: Weibliche Wespenspinnen haben nämlich oft mehrere Sexualpartner, deren Spermien sie zunächst sammelt. Aus diesem Reservoir befruchtet sie dann später ihre mehreren hundert Eier. Die Jungtiere aus ein und demselben Gelege können also verschiedene Väter haben. Ein Männchen, das sich beim Liebesspiel fressen lässt, kann dadurch die Dauer der Kopulation deutlich verlängern – und damit auch die Zahl der übertragenen Samenzellen. In der anschließenden „Spermien-Lotterie“ hat es daher bessere Karten: „Das Männchen steigert gegenüber den Konkurrenten die Chancen, die Eizellen seiner Partnerin zu befruchten“, erklärt Jutta Schneider. Anders gesagt: Eine männliche Wespenspinne verliert zwar ihr Leben, wenn sie sich opfert. Gleichzeitig gewinnt sie aber doppelt: Durch den höheren Anteil befruchteter Eizellen – und durch die bessere Überlebensrate ihrer Nachkommen.

Noch einmal zurück zur eingangs erwähnten Rotrücken-Witwenspinne. Bei ihr biegt das Männchen den Hinterleib während der Begattung extra so, dass das Weibchen problemlos zubeißen kann. Es opfert sich also regelrecht – und das, obwohl die Nachkommen davon keinen Vorteil zu haben scheinen. Möglicherweise hat dieses selbstmörderische Verhalten jedoch einen ganz anderen Grund: Auch das Weibchen der Rotrückenspinne kopuliert nämlich gerne mit mehreren Partnern. Wenn sie ein Männchen verzehrt hat, vergeht ihr dazu aber die Lust. Ihr Liebhaber wirkt also wie eine Art „Anti-Aphrodisiakum“ – und kann so noch nach seinem Tod lästige Konkurrenten fernhalten.

(erschienen in der Frankfurter Rundschau)