Wald oder Bäume?

Wenn wir psychologisch auf Abstand gehen, fällt es uns leichter, das Wesentliche zu erkennen. Das kann uns dabei helfen, bessere Entscheidungen zu treffen.

Geometrische Muster, üppig verzierte Schriftzüge, komplexe Mandalas: Der Kalifornier Andres Amador ritzt in stundenlanger Arbeit mit seinem Rechen atemberaubende Kunstwerke in die Strände der Welt. Einige seiner Werke sind größer als ein Fußballfeld. Aus der Nähe lassen sie sich nicht wirklich würdigen. Erst aus der Luft zeigen sie sich in ihrer ganzen Pracht.

So paradox es sich anhört: Von Ferne sehen wir oft besser. Zwar entgehen uns die feinen Details. Doch erst mit genügend Abstand offenbart sich häufig das große Ganze. Psychologische Distanz wirkt ganz ähnlich. Auch sie ermöglicht es uns, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Diesem Phänomen liegt ein Effekt zugrunde, den die israelische Psychologin Nira Liberman und ihr US-Kollege Yaacov Trope in ihrer „Construal Level Theory“ (CLT) beschrieben haben. Sie besagt vereinfacht ausgedrückt, dass wir über entfernte Objekte oder Ereignisse abstrakter nachdenken als über nahe: Wir sehen an ihnen das Typische, ihren unveränderlichen Kern, und weniger die Details, die uns – wie im sprichwörtlichen Beispiel mit den Bäumen und dem Wald – manchmal den Blick verstellen mögen.

„Das ist ein sehr sinnvoller Mechanismus“, betont Eva Lermer, Professorin mit Schwerpunkt Entscheidungsverhalten an der österreichischen Privatuniversität Schloss Seeburg. „Mal angenommen, Sie haben Freunde zum Essen eingeladen und wissen: Die Gäste stehen um 18 Uhr auf der Matte. Dann sind Ihre Assoziationen sehr konkret: O Gott, ich habe noch nicht geputzt, ich muss noch einkaufen, wer kommt denn überhaupt alles, und mag die Antonia auch Fisch? Wenn das Essen aber erst in vier Wochen stattfindet, dann denken Sie viel abstrakter: Es ist toll, die Freunde mal wieder zu sehen, ein netter Abend, eine schöne Auszeit vom Alltag. Sie müssen sich noch nicht fragen, ob Antonia Fisch mag, wenn Sie doch noch gar nicht wissen, ob sie überhaupt kommt. Es lohnt sich, zunächst über Dinge nachzudenken, die über diesen Zeitraum stabil bleiben – den eigentlichen Grund der Einladung.“

In einer ihrer Arbeiten beschreiben Trope und Liberman ein schönes Beispiel für diesen Wechsel des kognitiven Stils. In einem Experiment sollten Studierende sich vorstellen, sie würden sich am folgenden Tag ein Küchenradio kaufen. Zu Hause angekommen, würden sie feststellen, dass das Gerät einen Haken habe: Es habe zwar einen sehr guten Empfang; jedoch sei die eingebaute Uhr nur sehr schlecht ablesbar. Nach ihrer Meinung zu der Neuanschaffung befragt, gaben die Teilnehmer dem Radio daraufhin nur mittelmäßige Noten.

Eine zweite Gruppe erhielt exakt dieselben Informationen – mit einem entscheidenden Unterschied: Die Teilnehmer sollten sich vorstellen, sie würden das Gerät erst in einem Jahr kaufen. Ihre Bewertung fiel daraufhin deutlich positiver aus. Das Kern-Feature des Radios – eine gute Empfangsqualität – hatte offensichtlich aufgrund der größeren zeitlichen Distanz gegenüber dem eher nebensächlichen Detail – der unbrauchbaren Uhr – an Bedeutung gewonnen.

Häufig führt eine distanziertere Perspektive zu realistischeren Urteilen und besseren Entscheidungen. „Zum Beispiel können Menschen, die bei der Planung einer Aufgabe den Blickwinkel einer anderen Person einnehmen, oft genauer einschätzen, wie lange sie dafür benötigen werden“, sagt Eva Lermer. Dazu passt ein Befund der kanadischen Psychologen Johanna Peetz und Roger Buehler: Sie konnten zeigen, dass auch Kostenschätzungen bei größerem psychologischem Abstand treffsicherer ausfallen. Der mit der Distanzierung einher gehende Wechsel zu einer abstrakteren Denkweise könne also durchaus Vorteile haben, meint Lermer. Verallgemeinern lasse sich das aber sicher nicht.