Signale aus dem Körperinnern

Wir empfangen ständig Signale aus unserem Körperinnern. (c) Hannah Williams / Pixabay

Rund um die Uhr empfängt das Gehirn Botschaften von den Organen und anderen Teilen des Körperinneren – meist ohne dass es uns bewusst wird. Bei Ängsten, Essstörungen und Depressionen ist diese Eigenwahrnehmung allerdings häufig gestört.

Im Dezember des Jahres 1955 erscheint in der Zeitschrift »Brain« ein Aufsehen erregender Artikel. Der kanadische Neurochirurg Wilder Penfield beschreibt darin Experimente, die er mit einem Kollegen an Epilepsiekranken durchgeführt hat. Die Patientinnen und Patienten unterzogen sich einem riskanten Eingriff: Sie ließen sich jene Regionen des Gehirns herausschneiden, von denen die Krampfanfälle ausgingen.

Die Operationen erfolgten damals unter Teilnarkose, um den Anfallsherd mit Hilfe elektrischer Reize im Gehirn eingrenzen zu können. Penfield kam das gelegen: Er notierte minuziös, wie die Betroffenen auf die Stimulation verschiedener Hirnstrukturen reagierten. Bei einer von ihnen geschah etwas Merkwürdiges: Wenn er sie reizte, hatte das weder die Bewegung eines Körperteils zur Folge noch das Gefühl, irgendwo berührt zu werden. Stattdessen spürten die Patienten die Stimulation in ihrem Inneren. Einige berichteten über komische Gefühle im Unterleib oder über ein Kratzen im Magen; manchen wurde schwindelig oder übel, und wieder andere bekamen Darmkrämpfe oder Blähungen.

(erschienen in Spektrum Gehirn & Geist)

Warum Stress auf die Verdauung schlägt

Bauchkrämpfe vor der wichtigen Präsentation? Vielen Menschen schlägt Stress auf die Verdauung (c) Mohamed Hassan/Pixabay

Vor der Prüfung schnell noch einmal zum Klo: Auf stressige Situationen reagieren viele Menschen mit Durchfall, Magenproblemen oder Sodbrennen. Wie kommt es zu dieser Verbindung zwischen Verdauungstrakt und Psyche?

Mehr als 500 Spiele hat Per Mertesacker in seiner Zeit als Berufsfußballer absolviert. Die Stunden davor waren für ihn stets eine Tortur: »Vom Bett muss ich sofort auf die Toilette, vom Frühstück auf die Toilette, vom Mittagessen wieder auf die Toilette, im Stadion wieder auf die Toilette«, gestand er kurz vor seinem Karriereende 2018 dem Magazin »Der Spiegel«. Ein paar Sekunden vor dem Anpfiff sei die Anspannung kaum zu ertragen: »Mir dreht sich dann der Magen um, als müsse ich mich übergeben.«

Die Profis verdienen eine Menge Geld. Doch sie stehen auch unter einem immensen Druck: Jeder Ballverlust wird von Kameras aufgezeichnet, jeder Fehler nach dem Abpfiff von hunderttausenden Fans diskutiert. Mertesackers Körper reagierte darauf immer nach demselben Muster, 15 Jahre lang. Was Heftigkeit und Dauer der Symptome anbelangt, ist sein Fall sicher extrem. Das Grundphänomen dürften aber viele Menschen kennen: dass Stress auf Magen und Darm schlägt. Doch weshalb ist das so?

(erschienen in Spektrum Gehirn & Geist)

Ich mag dich!

Manche Menschen sind uns auf Anhieb sympathisch (c) Ivana Cajina/Unsplash

Manche Menschen sind uns auf Anhieb sympathisch. Andere können wir einfach nicht ausstehen. Psychologische Experimente zeigen, wie wir in Sekundenschnelle über Fremde urteilen und wovon wir uns dabei beeinflussen lassen.

Auf dem Bildschirm ist das Gesicht eines Mannes zu sehen. Er blickt direkt in die Kamera; sein Schädel vor dem schwarzen Hintergrund ist kahl. Ein Mausklick, und seine Züge beginnen sich zu wandeln: Sein Kopf wird schmaler, seine Haut bräunlicher, seine Augen werden größer. Sein Doppelkinn-Ansatz beginnt zu schwinden; seine Mundwinkel heben sich. Nach viereinhalb Sekunden ist die Metamorphose komplett. Das Antlitz, das dem Betrachter nun vom Display entgegenlächelt, ist überaus sympathisch: ein netter Kerl, mit dem man gerne mal ein Bier trinken gehen würde.

Doch jetzt verändert sich das Gesicht abermals; zunächst zurück zum Ausgangsbild, dann darüber hinaus: Der Schädel geht in die Breite, das Doppelkinn wächst, die kleinen Augen mit den immer verwaschener wirkenden Pupillen rücken näher aneinander. Sukzessive entsteht so die Visage einer Person, die wohl die wenigsten auf Anhieb mögen würden.

(erschienen auf Spektrum.de)

Treibstoff für die grauen Zellen

Musiker sind oft intelligenter und akademisch erfolgreicher als Nicht-Musiker. Doch was davon auf musikalisches Training zurückzuführen ist, ist umstritten.

Hochkonzentriert steht Milea Henning hinter der Marimba, die Augen halb geschlossen. In jeder Hand hält sie zwei lange Schlägel, mit denen sie nun rhythmisch die hölzernen Klangstäbe des Instruments anschlägt – mal so schnell, dass man ihren Bewegungen kaum folgen kann, dann langsam und verhalten, am Schluss fast unhörbar. Von klein auf macht die 17-Jährige aus dem westfälischen Lüdinghausen Musik. Inzwischen ist sie Studentin für Schlagzeug in der Jugendakademie der Musikhochschule Münster; bei Wettbewerben wie Jugend musiziert heimst sie regelmäßig Preise ein. Zwei Stunden versucht sie täglich zu üben, neben Schule und Studium. Ihre Noten leiden dennoch nicht darunter: „Zum Glück bin ich schulisch gut dabei“, sagt sie.

Damit steht sie nicht allein – viele Musikerinnen und Musiker tun sich auch in Bereichen hervor, die mit ihrer Leidenschaft auf den ersten Blick wenig zu tun haben: Sie können besser lesen als Gleichaltrige und haben einen größeren Wortschatz. Sie prägen sich schneller Melodien ein oder auch Geschichten, die ihnen erzählt wurden. Ihnen fällt es leichter, geometrische Figuren im Geist zu drehen oder komplexe Zeichnungen zu kopieren. Sie sind zudem im Schnitt intelligenter als Nicht-Musiker – ein Unterschied, der umso größer wird, je länger und intensiver ihre musikalische Ausbildung war. Für die Genfer Neurowissenschaftlerin Ewa Miendlarzewska und ihre Kollegin Wiebke Trost liegen angesichts solcher Befunde die Konsequenzen auf der Hand: „Die Empfehlung für Eltern und Erzieher ist daher klar: Fördern Sie die Instrumental-Ausbildung in der frühen Kindheit, weil daraus lebenslange Vorteile resultieren können.“

Der kanadische Psychologe Glenn Schellenberg hat für diesen Tipp nur ein Wort übrig: „Bullshit!“ Seiner Meinung nach ziehen viele seiner Kolleginnen und Kollegen zu weitreichende Schlüsse aus ihren Befunden. Beispiel Intelligenz: „Es stimmt zwar, dass Musiker oft einen höheren IQ haben“, sagt er. „Der Grund dafür ist aber, dass schlauere Kinder häufiger Musikstunden nehmen.“ Schellenberg hat in den vergangenen Jahren immer wieder kritisiert, dass ein großer Teil der heutigen Studien keine endgültige Aussage über Ursache und Wirkung erlaubt. Dass Wissenschaftler auf dieser Basis dennoch immer wieder die segensreichen Wirkungen von Musikunterricht propagieren, überrascht ihn: „Ich glaube, dass sie ganz einfach möchten, dass es wahr ist“, sagt er.

(erschienen in Spektrum Gehirn & Geist)